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- Ein Trostbrief aus Grafeneck
- Urnenversand
- Die deutsche Bevölkerung
- Hitler stoppt die Aktion T4
- Nazi-Gesetz (1933)
- Auswirkungen auf heute
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Geschichtlicher Hintergrund
Was passierte im "Dritten Reich" mit behinderten Menschen?
Die Bedeutung des Ortes
Vorgeschichte - Die Insassen - Einrichtung der Anstalt
Die Trostbrief-Abteilung
Trostbrief-Abteilung - Absteck-Abteilung - Standesamt - Beisetzung
Ein Trostbrief aus Grafeneck
Ein erfundener Brief, der stellvertretend für die vielen Briefe steht, die Hinterbliebene der Ermordeten erhielten.
Die Tötungsanlage
Aufbau und Inbetriebnahme der "Euthanasie"-Anlage in Grafeneck
Die Organisation im Lager
Transport - "Untersuchung" der Patienten - Tötung - Verbrennung
Die Opfer
Gibt es genaue Angaben über die Anzahl der Opfer?
Das Ende der Anstalt
Erschütternde Hintergrundinformationen zu Grafeneck
Grafeneck heute
Gedenkstätte - Projekt Namenssuche / Alphabetgarten - Gedenken und Mahnen
Begegnung vor Ort
Gespräch mit dem Historiker Thomas Stöckle
Über diese Seite
Hintergrundinformationen zu diesem Projekt
Danke
Kurzbeschreibung
Hier erfahren Sie mehr über das "Euthanasie"- Programm des "Dritten Reiches" in Grafeneck. Diese Internetseite ist ein Produkt, das aus einer intensiven Beschäftigung mit diesem Thema im Rahmen einer projektartigen Arbeit entstanden ist.
Liste mit den Namen der Opfer?
Seit dem Publizieren dieser Seite erreichen uns Anfragen, ob wir Auskünfte über die Namen der Opfer von Grafeneck erteilen könnten. Viele Angehörige forschen nach dem Schicksal ihrer verschollenen Verwandten und möchten endlich Gewissheit erlangen. Solche Auskünfte können wir leider nicht erteilen.
Webstandards beachtet
Diese Website entspricht den W3C-Webstandards für gültige XHTML-Dokumente. Durch Anpassung des Codes und unter Verwendung von validem (X)HTML/CSS sowie dem Verzicht auf Tabellen sind unsere Seiten flexibel und barrierefrei gestaltet. Dadurch machen wir unser Angebot auch behinderten Menschen zugänglich und für alle benutzbar.
Externe Weblinks
Diese Verweise (zum Teil in anderen Sprachen) öffnen jeweils ein neues Browserfenster:
- Deathcamps: Grafeneck
Aktion Reinhard Camps: Umfangreiche Onlineressource zum Thema Nazi-Verbrechen - Grafeneck Euthanasia Centre
H.E.A.R.T. (Holocaust Education & Archive Research Team) - Zum Gedenken an Anna Lehnkering
Homepage von Sigrid Falkenstein, deren Tante 1940 in Grafeneck ermordet wurde. - Tötung in einer Minute
Quellen zur Euthanasie im Staatsarchiv Ludwigsburg. Zeitungsausschnitte und Originaldokumente - International Claims List (German victims from 1939-48)
Liste mit Namen und Geburtstagen von Opfern der NS-Euthanasie - Gedenkstätte Grafeneck
Arbeitskreis Gedenkstätte Grafeneck e.V. - Bundesarchiv
Inventar der Quellen zur Geschichte der "Euthanasie"-Verbrechen 1939-1945 - Euthanasie im Dritten Reich
Bundesarchiv
Ein Trostbrief aus Grafeneck
Nachfolgend finden Sie einen Brief, der stellvertretend für die vielen Briefe steht, die Hinterbliebene der Ermordeten erhielten. So oder ähnlich lauteten die so genannten "Trostbriefe" aus der Heil- und Pflegeanstalt Grafeneck:
Sehr geehrter Herr [...],
wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Gattin, Frau [...] am heutigen Tage unerwartet infolge einer Angina verstorben ist. Eine Benachrichtigung über die Erkrankung unterblieb in der Absicht, Sie nicht unnötigerweise zu beunruhigen, da der Krankheitsverlauf zunächst ein ganz normaler war und nach ärztlichem Ermessen zu irgendwelchen Befürchtungen kein Anlass bestand. Der nicht vorauszusehende Eintritt einer Sepsis (Blutvergiftung) hat leider unsere Annahme nicht bestätigt.
Die Verlegung in unsere Anstalt erfolgte vor kurzem aus Gründen, die mit der Reichsverteidigung im Zusammenhang stehen.
Nachdem unsere Anstalt nur als Durchgangsanstalt für diejenigen Kranken bestimmt ist, die in Kürze in eine andere Anstalt unserer Gegend verlegt werden sollen, dient der Aufenthalt hier lediglich zur Feststellung von Bazillenträgern, die sich erfahrungsgemäß immer wieder unter derartigen Kranken befinden. Die Ortspolizeibehörde Bernburg-Gröna hat, um den Ausbruch und die Verschleppung übertragbarer Krankheiten zu verhindern, im Einvernehmen mit den beteiligten Stellen weitgehende Schutzmassnahmen angeordnet und gemäß § 22 der Verordnung zur Bekämpfung übertragbarer Krankheiten, die sofortige Einäscherung der Leiche und Desinfektion des Nachlasses verfügt. Eines Einverständnisses seitens der Angehörigen bedurfte es in diesem Falle nicht.
Der in die Anstalt eingebrachte Nachlass der Verstorbenen wird nach erfolgter Desinfektion hier zurückgelegt, weil er in erster Linie als Pfand für die Kostenträger dient; andernfalls steht er den Erbberechtigten zur Verfügung. Diese haben damit aber auch die Verantwortung gegenüber etwaigen Ansprüchen anderer Erbberechtigter zu übernehmen. Bei dieser Gelegenheit erlauben wir uns, Sie darauf hinzuweisen, dass sich eine Beschädigung des Nachlasses durch die Desinfektion infolge Verwendung nachhaltigster Mittel sehr oft nicht vermeiden lässt und vielfach sowohl Versendung wie Herbeiführung eines Entscheids über Zuweisung des Nachlasses mehr Zeit und Kosten verursacht, als der Nachlass wert ist. Wir schlagen Ihnen daher vor, auf denselben zu verzichten.
Anbei 2 Sterbeurkunden
[...]
Urnenversand
In den meisten Trostbriefen wurde den Angehörigen die Möglichkeit gegeben, die sterblichen Überreste des vergasten Angehörigen in einer Urne auf einen Friedhof zugestellt zu erhalten, wenn ein solcher angegeben wurde. In diesem Fall entstanden den Angehörigen nur die Kosten der Beisetzung, die Übersendung der Urne wurde aus Reichsausgleichsmitteln bezahlt.
Nicht immer glaubten die Angehörigen, was sie in den Trostbriefen lasen, vor allem dann nicht, wenn die Todesursache offensichtlich nicht stimmen konnte wie in einem Fall, dem man einen Tod durch Blinddarmdurchbruch bescheinigte, während die Angehörigen wussten, dass der Blinddarm längst entfernt worden war. In nicht wenigen Fällen wurde von den Angehörigen die wahre Sachlage erkannt und mehr oder weniger unverhohlen Protest geäußert.
Die deutsche Bevölkerung
Stimme aus der Politik
Ein strebsamer, junger Provinzpolitiker schreibt:
Es ist eine Halbheit, unheilbar [geschlechts-]kranken Menschen die dauernde Möglichkeit einer Verseuchung der übrigen Gesunden zu gewähren. Es entspricht dies einer Humanität, die, um dem einen nicht weh zu tun, hundert andere zugrunde gehen lässt. Die Forderung, dass defekten Menschen die Zeugung anderer ebenso defekter Nachkommen unmöglich gemacht wird, ist eine Forderung klarster Vernunft und bedeutet in ihrer planmäßigen Durchführung die humanste Tat der Menschheit. Sie wird Millionen von Unglücklichen unverdiente Leiden ersparen, in der Folge aber zu einer steigenden Gesundheit überhaupt führen.
Die Schulen vermitteln Sozialdarwinismus
Die NS-Propaganda tat auch einiges, um die Bevölkerung einzustimmen. In den Schulen rechnen die Kinder:
Aufgabe 63:
Der jährliche Reichszuschuss an die Heilanstalten wird mit 350 000 000
RM angegeben, die tatsächlichen Kosten der Pflegeanstalten sind aber
das Dreifache dieser Summe. Eine fünfköpfige Familie verbraucht
monatlich etwa 120 RM. Wie viel mal soviel gesunde Volksgenossen könnten
um den wirklichen Gesamtbetrag ein Jahr lang erhalten werden gegenüber
den 472 000 Erbkranken?
Aufgabe 95:
Der Bau einer Irrenanstalt erfordert 6 Millionen RM. Wie viele
Siedlungen zu je 15 000 RM hätte man dafür bauen können?
Hitler stoppt die Aktion T4 - das Morden geht weiter
Die christlichen Kirchen, die sich nicht rühren, als die Juden schikaniert und deportiert werden, melden sich jetzt zu Wort. Der Bischof von Münster, Graf Galen, erstattet sogar am 18. Juli 1941 bei der Staatsanwaltschaft Münster Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Mordes. Weitere Briefe, Aktionen und hinhaltender Widerstand einiger Anstalten führen dazu, dass im August 1941 die "Aktion T4" von Hitler gestoppt wird. Trotzdem beginnt danach das, was man gemeinhin und etwas irreführend die "wilde" Euthanasie nennt.
Von 1940 bis zum August 1941 ermorden die Nazis nach eigenen Angaben über 70.000 Kranke. Für die Jahre danach, als jeder Arzt und jede Krankenschwester im "Namen der Gnade" morden durfte, gibt es keine Zahlen.
Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" (1933)
Mit ihrem "Euthanasie"-Programm, das ja in Wirklichkeit ein Mordprogramm war, greifen die Nazis nach der schwächsten und wehrlosesten Bevölkerungsgruppe: nach kranken Menschen. Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" von 1933, das die Kranken zunächst nur zur Unfruchtbarmachung frei gab, zählt die Betroffenen auf:
Personen mit
- „angeborenem Schwachsinn“ [geistig behinderte Menschen],
- Schizophrenie,
- [manisch-depressive Menschen],
- [erblicher Epilepsie],
- erblichem Veitstanz [Nervenkrankheit],
- erblicher Blindheit,
- erblicher Taubheit,
- schwerer körperlicher Missbildung.
Dazu gerechnet werden Menschen, die schwerem Alkoholismus verfallen sind und homosexuelle Männer.
Auswirkung des "Euthanasie"-Programms auf heute
Die tonnenschwere Hypothek, die auf der "Sterbehilfe" lastet, steht in enger Verbindung mit den damaligen Verbrechen der Nazis. Alle Denkmodelle, die einem Arzt erlauben, das Patientenleben zu beenden, müssen in den nächsten Generationen an dem scheitern, was die Nazis getan haben: Sie haben vorsätzlich, planmäßig, systematisch, pauschal, bürokratisch zehntausende, wenn nicht sogar hunderttausende Kranke ermordet. Wer heute versucht, das Problem der Sterbehilfe mit den Begriffen und Methoden der Logik, der Moral, der Gesetze in den Griff zu bekommen, muss damit rechnen, später als Wegbereiter und nützlicher Idiot einer neuen Mörderclique eingeordnet zu werden.
nach: Norbert Flörken. Troisdorf unter dem Hakenkreuz, Aachen 1986.

